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17Mai/120

Wer schon alles weiss, ist unfrei

Die Kulturlandsgemeinde ist ein jährlicher Kulturanlass und greift aktuelle gesellschaftliche Fragen auf und erforscht diese mittels verschiedener Formen. In diesem Jahr hat sich die Kulturlandsgemeinde am 5. und 6. Mai dem Thema Freiheit angenommen. Die daraus entstandene Sendeschrift möchte ich euch nicht vorenthalten und veröffentliche sie deshalb hier auf meine Blog.

Wer sich den Text lieber vorlesen lassen möchte, kann sich die Verlesung der Sendeschrift 2012 auf art-tv.ch ansehen.

Alles spricht von Freiheit. Freiheit ist ein grosses Wort. Und wer am lautesten von Freiheit redet, hat allzu oft nur seine eigene Freiheit im Sinn. Wir, die Kulturlandsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden , haben uns versammelt , um über Freiheit nachzudenken in freier Rede, selbstkritisch und in heiligem Ernst. Und sind dabei an kein Ende gekommen. Darum nehmen wir uns die Freiheit, Einsichten zu sammeln und Fragen zu stellen.

1. Vom freien Willen
Der Mensch ist das Wesen mit freiem Willen. Sein Drang nach Freiheit ist so stark, dass er sich wehrt, wenn die Unfreiheit allzu gross wird. Das zeigen die jüngsten Befreiungsbewegungen in den arabischen Ländern und anders wo , wo die Menschen sich aus ihrer nicht selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Keine Frage: Ihnen gilt unsere höchste Achtung, im Wissen darum, dass es ein Privileg ist, frei über Freiheit reden zu können. Und als Erinnerung daran, wie viel Freiheit wir haben.

2. Im Innersten frei
Der Mensch ist frei von Natur. Er ist nicht Sklave seiner Gene und seiner Herkunft – vielmehr haben unser Verhalten und unsere Umwelt ihrerseits Einfluss auf die Gene. Das ist die atemberaubende Erkenntnis der heutigen Biologie: Jede und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wir alle müssen unsere ganz eigenen Antworten auf die Freiheitsfrage finden – immer in Bezogenheit zu den anderen. Diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen.

3 . Freiheit hat Grenzen
Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit der andern anfängt. Das zwingt die Gesellschaft dazu, unablässig Kriterien und Werte der Freiheit und der Rechtsordnung neu auszuhandeln. Freiheit ist ein Prozess, der nie aufhört. Und Freiheitsgewinn hier bedeutet stets auch Freiheitsverlust dort. Die Erfahrung zeigt: Je mehr Macht, desto schamloser der Freiheitsanspruch auf Kosten anderer. Kümmern wir uns um die Freiheit der weniger Mächtigen. Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen .

4 . Schwierige Gleichheit
Keine Freiheit ohne Gleichheit. Da beginnen die Probleme. Jeder Mensch ist einzigartig, und die Stärke einer Gesellschaft ist ihre Vielfalt. Aber oft wir damit und im Namen der Freiheit die stossendste Ungleichbehandlung gerechtfertigt. Wir fragen: Was muss geschehen, damit ein Leben in Würde und Freiheit kein Luxus bleibt, sondern allen offensteht? Die Antwort ist politisch, sie heisst zum beispiel: Umverteilung.

5. Frei und sicher
Freiheit klingt gut. Aber fragt man: Freiheit oder Sicherheit? – dann entscheiden sich viele für die Sicherheit , persönlich wie polizeilich. Freiheit kann Angst machen. Für ihre Freiheit nehmen nicht nur freischaffende Künstlerinnen und Künstler in Kauf, ohne Absicherung und knapp bei Kasse zu sein. Freiheit kann maximale Entfaltung ermöglichen, Freiheit kann die pure Lust sein, aber auch im freien Fall enden.

6. Frei und gefangen im Netz
Bedeuten die neuen Medien die totale Freiheit? Wir fragen kritisch. So viel Freiraum das Internet für alle eröffnet, so sehr macht es uns zugleich kollektiv überwacht und individuell einsam. Wer bloss klickt, bleibt anonym und unverbindlich. Meinungsbildung bedingt Auseinandersetzung und Differenzierung. Unsere Welt braucht Orte des realen und öffentlichen, nicht nur virtuellen Aushandelns. Twittern wir nicht bloss über Freiheit – sondern reden wir weiter davon!

7. Vom freien Lernen
Wer schon alles weiss, ist unfrei. Freies Denken rechnet mit dem Undenkbaren. Das beginnt bei den Kindern: Sorgen wir dafür, dass sie in den Schulen nicht nur fertiges Wissen vorgesetzt bekommen, sondern selbstermächtigt das Lernen lernen und das Staunen bewahren. Die Gesellschaft ändert sich rasant und mit ihr unser Mass an Freiheit. Das wirft viele Fragen auf. Eine Antwort heisst: selber denken lernen. Selber denken schärft die Urteilskraft und befähigt zu freiem Handeln.

 

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